Über die Thur

Sie fliesst friedlich vor sich hin, wirkt still und gezähmt.
Doch wer in ihr liest, merkt schnell, dass dies nur auf den ersten Blick so scheint:
Die Thur ist kein Bächlein, kein kanalisiertes Rinnsal, sondern eine Naturgewalt,
die sich in jeder Jahreszeit, nach jedem Wetter anders darbietet.

Manch einer hat sie unterschätzt und dies mit dem Leben bezahlt.

Im Winter scheint sie karg und fast leer. Wenig Wasser führt sie mit. Doch kaum schmilzt der Schnee, steigt sie innerhalb weniger Stunden an und reisst alles mit. Sie wird gelb und zerstörerisch. Sie ist eine Schlange. Im Frühling ist sie umgeben vom hellen Grün der Hecken. Die Fische laichen in ihr und alles scheint voll des Lebens. Während des Sommers zeigt sie das Gesicht des Zerfalls. Sie stinkt. Und im Herbst ergiesst sie sich bei jedem Unwetter über die Ufer, über die Felder.

Sie ist die Lebensader des Tals. In ihr und dank ihr entsteht Leben.

Sie ist kein kleines Mädchen, sondern ein Urweib, eine Hexe.

Sie ist so alt wie das Tal um sie herum und hat viel gesehen. Kriege, Leid, Krankheiten, Unwetter und Landschaften. Manch einer hat in ihr Trost gesucht in schweren Momenten. Sie nahm ihn wohlwollend auf und gab ihn so schnell nicht mehr her. Ein anderer verlor all sein Hab und Gut an sie, wenn sie, voll des gelbbraunen Wassers, wild um sich herum schlug. An ihrem Ufer wurden unzählige Kinder in lauen Sommernächten gezeugt. Ihre Früchte ernährten die Menschen viele Jahrhunderte lang. Dank ihr entstanden Arbeitsplätze wie Mühlen, Fähren, Schreinereien und Zollpunkte.

Früher waren ihre Seitenarme so gefürchtet wie die Schlangenköpfe der Medusa. Das Land an ihren Ufern war schlammig und ein Nest von Krankheiten und Elend.

Findige Köpfe wollten sie an die Kandare nehmen. So wurde die Thur, die Stolze, in ein enges Korsett geschnürt in der Hoffnung, dass ihre Launen weniger tödlich seien. Doch all dies hat sie nie gekümmert. Bei Regen und Sturm tritt sie über ihre Grenzen, setzt Felder unter Wasser und überzieht das Land mit ihrem Schaum und Schlamm.

Sie ist, trotz ihres Korsetts, noch immer frei und launisch. Ich liebe sie.

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